Weinanbau: Belgischer „Champagner“ – dank Klimawandel

Die ersten Weinstöcke wurden in Belgien erst vor zwanzig Jahren gepflanzt. Trotzdem wächst die Produktion rasant. Begünstig wird der Weinbau auch durch den Klimawandel. Doris Pundy berichtet.

In Belgiens größtem Weindepot reift der „Champagner“ Jahrgang 2016. Die Flaschen stapeln sich bis zur Decke der fensterlosen Halle. Nächstes Jahr ist der Wein nach insgesamt zwei Jahren Reifeprozess verkaufsfertig. Solange braucht das traditionelle Gärverfahren, das vor über zweihundert Jahren in der französischen Weinbauregion Champagne entwickelt wurde. Doch „Champagner“ darf Weinbauer Arnaud Leroy seinen Schaumwein trotzdem nicht nennen. Dafür müssten seine Weinhänge ein paar Kilometer weiter südlich liegen, jenseits der französischen Grenze.

„Klima wie vor 40 Jahren“

Sein Vater habe trotzdem nie gezögert, hier auf der belgischen Seite das Familienweingut zu gründen, erzählt Leroy. „Das Klima ist hier jetzt wie vor vierzig Jahren in der Champagne“, so der Weinbauer. Das biete ideale Bedingungen: Die Winter sind regenreich, die Sommer sonnig, aber nicht zu heiß. Das mache den spritzigen, trockenen Schaumwein aus der Region eben aus.

Leroys Vater, ein Weinhändler, kaufte im Jahr 2002 die Südhänge rundum seinen Heimatort Haulchin. Mittlerweile produziert die Familie Leroy auf dem Weingut „Ruffus“ 200.000 Flaschen Schaumwein pro Jahr und ist mit Abstand Belgiens größter Weinproduzent. Der Wein ist so begehrt, dass er vorbestellt werden muss, während er noch reift. Die fertigen Flaschen sind binnen weniger Wochen vergriffen.

Wein hat im Bierland Belgien eine kurze Geschichte. Erst vor zwanzig Jahren versuchten die ersten Landwirte ihr Glück und begannen im Land an der Nordsee Wein anzubauen. Seither entwickelt sich der Weinbau rasant. Wurden im Jahr 2012 noch knapp 300.000 Liter Wein produziert, waren es 2015 bereits über eine Million. Die regionale Politik trägt zu dem Erfolg bei. „Neben finanziellen Subventionen kümmern wir uns auch um eine bessere Ausbildung der Weinbauern und um die Vermarktung der belgischen Weine“, sagt der wallonische Landwirtschaftsminister René Collin. Die Qualität des Weins habe sich dadurch binnen weniger Jahre deutlich verbessert, so der Minister.

Große Nachfrage nach belgischem Wein

Mittlerweile wird in fast ganz Belgien Wein angebaut und nicht nur entlang der französischen Grenze. Der gebürtige Franzose Romain Bévillard gründete vor wenigen Jahren am anderen Ende des Landes, nahe den Niederlanden, die Genossenschaft „Vin de Liège“. Rasch fand er 2000 Mitglieder und genügend Startkapital. 2014 ging sein erster Weißwein in den Verkauf.

Drei Jahre später produzierte Kellermeister Bévillard bereits 50.000 Flaschen pro Jahr. Sein Sortiment hat er bereits um Schaumwein und Rotwein erweitert. Die Nachfrage nach seinem lokalen Bio-Wein kann er aber trotzdem nicht abdecken. Einmal fertig gereift, ist auch Bévillards Wein binnen kurzer Zeit ausverkauft. Jetzt will der Weinbauer seine Produktion in den nächsten Jahren auf 100.000 Flaschen verdoppeln.

Die warmen Sommer der letzten Jahre kamen Bévillard zugute. Vor allem den roten Trauben, die allgemein wärmeres Wetter brauchen als weiße, hätte das gut getan. Für Bévillard ist der Klimawandel aber nicht der einzige Grund, weshalb der Weinbau in Belgien Fuß fassen konnte. In den letzten Jahren entwickelten Wissenschaftler neue Weinsorten, die besonders resistent gegen Wetterkapriolen und dadurch ausgelöste Krankheiten sind. Kellermeister Bévillard setzt auf die Rebstöcke eines deutschen Weinbauinstituts.

Aber auch mit den neuen Weinstöcken entscheidet weiterhin das Wetter, ob ein Jahrgang gut wird oder nicht. „Dieses Wetter ist perfekt für uns“, sagt Kellermeister Bévillard und nickt Richtung Fenster der Produktionshalle. Schweren Dezemberregen prasselt gegen die Fensterscheibe. Regen im Winter sei notwendig für seine noch jungen Weinstöcke. Die Stämme müssten sich jetzt mit Wasser vollsaugen. Dann würden sie auch trockener Perioden im Sommer überstehen, wie sie jetzt häufiger in Belgien vorkommen, so der Weinbauer.

Kein Export geplant

Während die Weinproduktion in Belgien schnell wächst, geht sie in anderen Teilen Europas zurück. Frankreichs Weinbauern kämpften in den letzten Jahren vermehrt mit den Auswirkungen des Klimawandels, so der belgische Agrarwissenschaftler Bernard Bodson. Später Frost gefolgt von extremer Trockenheit und Hitze im Sommer hätte dieses Jahr zu großen Ernteeinbußen geführt. Trotzdem wird belgischer Wein in absehbarer Zukunft keine Rolle auf dem internationalen Markt spielen.

„Wir arbeiten daran, belgischen Wein auch über die Landesgrenzen hinweg bekannt zu machen“, so Landwirtschaftsminister Collin, „aber aktuell wird nur eine sehr geringe Menge Wein exportiert.“ Die heimische Nachfrage sei schlichtweg zu groß, um belgischen Wein im Ausland zu verkaufen, sagt Kellermeister Romain Bévillard aus Liège. Aber auch für Arnaud Leroy vom deutlich größeren Weingut „Ruffus“ ist Export im großen Stil kein Thema. „Wir liefern unseren Schaumwein in belgische Botschaften rund um die Welt und ein paar Liebhaber kommen auch über die Grenze aus Frankreich, um unseren Wein zu kaufen. Aber hauptsächlich machen wir belgischen Wein für die Belgier.“