EZB über Verfall der Ölpreise alarmiert

Verbraucher freut es, Notenbankern treibt es Sorgenfalten auf die Stirn: Der Absturz der Ölpreise könnte die schon gefährlich niedrige Inflation weiter drücken. Von Deflation ist aber noch nicht die Rede.

Berlin/Frankfurt (dpa) - Der Verfall der Ölpreise alarmiert die Europäische Zentralbank (EZB) - ihr Vizechef Vítor Constâncio warnt vor einem möglichen Abrutschen der Preise auf breiter Front. „Wir rechnen nun mit einer negativen Inflationsrate in den kommenden Monaten“, sagte der Ökonom in einem Interview der „Wirtschaftswoche“.

Sollte Rohöl länger so billig bleiben wie zuletzt, drohe „ein gefährlicher Teufelskreis aus sinkenden Preisen, steigenden realen Lohnkosten, sinkenden Gewinnen, schrumpfender Nachfrage und weiter sinkenden Preisen“. Die bisherige Inflationsschätzung der EZB für das nächste Jahr von 0,7 Prozent sei inzwischen nicht mehr zu halten. Seit dem Sommer sind die Rohölpreise um bis zu 50 Prozent abgesackt.

Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte deswegen ein gesamtwirtschaftlich sinkendes Preisniveau Anfang der Woche nicht ausgeschlossen. Nehmen Preise dauerhaft ab, kann das zu einer schädlichen Zurückhaltung bei Konsum und Investitionen führen.

Eine tatsächliche Deflation gebe es bei einigen Monaten negativer Teuerung noch nicht, sagte Weidmann. Diese liege erst vor, wenn es zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale aus Negativ-Inflation, Rückgängen der Wirtschaftsleistung und Lohnsenkungen komme. „Dieses Risiko ist weiterhin gering“, meinte der Bundesbank-Chef.

Constâncio sieht ebenfalls keine unmittelbare Gefahr. „Deflationäre Tendenzen beginnen, wenn die Unternehmen und die Menschen ihr Verhalten ändern und Investitionen und Ausgaben verschieben“, sagte er der „Wirtschaftswoche“. Zumindest in Deutschland sind die äußerst konsumfreudigen Verbraucher derzeit eine wichtige Konjunkturstütze.

Andere Eurostaaten kämen zudem zusehends aus der Krise, ergänzte der EZB-Vizechef. „In Ländern wie Spanien oder Irland, deren Wirtschaft sich langsam erholt, steigt die Produktivität. Das schafft Spielraum für Lohnerhöhungen, die der Deflationsgefahr entgegenwirken.“

Uneinigkeit gibt es aber über zusätzliche Maßnahmen der Geldpolitik. EZB-Präsident Mario Draghi hatte im Kampf gegen die Mini-Inflation in der Eurozone weitere Aktionen in Aussicht gestellt - erwartet wird ein breit angelegtes Kaufprogramm für Firmen- oder Staatsanleihen.

Während Weidmann dabei vor einer „Umverteilung von Risiken zwischen den Steuerzahlern der Mitgliedsländer“ warnt, bekräftigte Constâncio: „Wir müssen alle geldpolitischen Instrumente nutzen.“ Aktuell versucht die EZB, Banken über den Kauf von Pfandbriefen und Kreditpaketen zu entlasten und so die Kreditvergabe anzukurbeln.

(Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)